WAS GEHT BEI ... Benjamin Kessenich?

Karpfenangeln ist eine Leidenschaft der ich in der Regel komplett alleine, vielleicht sogar einsam, nachgehe. Nicht dass ich dies bedauern würde, ich suche mir diesen Zustand schließlich genauso aus und möchte es auch häufig nicht anders haben. Mein Platz, meine Vorgehensweise, meine Fische, Punkt! Jedoch möchte ich euch von einem Trip erzählen, den eben diese Art der Angelei und Einstellung im Rückblick wahrscheinlich nie möglich gemacht hätte – eine unglaubliche Zeit zweier Freunde.

Komplett ausgebrannt

Nachdem ich im Mai die Abschlussprüfungen meines dualen Studiums erfolgreich hinter mich gebracht hatte, hatte ich Zeit, viel Zeit. Ein Gefühl, welches ich bereits 4 Jahre nicht mehr kannte und an das ich mich erst wieder gewöhnen musste. Doch anstatt komplett auszurasten und die wiedergewonnene Freiheit am Wasser zu genießen, fiel ich in ein dreimonatiges Motivationsloch. In dieser Zeit wollte ich vom Karpfenangeln nichts hören oder sehen. Ab und an verschlug es mich mit der Spinnrute an meine Hausgewässer, die paar Hechte und Barsche, die ich in den ein bis zwei Stunden fing, langten mir gerade an den heißen Tagen völlig aus. Ich hatte keinerlei Ambitionen, mein Tackle ins Auto zu packen und es anschließend auf dem Trolley durch den Wald zu schieben, nur um mich dann in diesen tropischen Nächten auf der Liege hin und her zu wälzen. Zwischenzeitlich machte mir dieser Zustand sogar ein wenig Angst muss ich zugeben, noch nie war mir meine doch so geliebte Karpfenangelei ferner als in jener Zeit. Glücklicherweise hatte ich bereits Anfang des Jahres einen Frankreichtrip mit meinem guten Kumpel Chris Krause geplant. Dieser stand nun an, und ja, ich freute mich drauf.

Neue Motivation, Rambazamba und Sternstunden

Inspiriert von meinem letztjährigen Urlaub in den französischen Alpen, führte uns unser Weg auch diesmal direkt an eben einen dieser Gebirgsseen. Nachtangeln war hier zwar nicht gestattet, trotzdem sollte es ein guter Startpunkt für die kommenden 12 Tage sein. Die Ausbeute der Angler vor Ort in der letzten Zeit war mehr als überschaubar, lediglich zwei Jungs konnten ab und an ein paar Fische für sich verbuchen, der Rest saß blank. Wir entschieden uns für einen Platz im mittleren Seekörper, da wir dort alle ziehenden Fische des Sees abpassen würden. Mit unserer Ankunft begann in dieser Region ein Wetterwechsel, der es in sich hatte, die Temperaturen fielen von 34 auf 22 Grad und was zuvor noch ein blauer Himmel im Alpenpanorama gewesen war, zeigte sich nun als ein Grau in Grau im Dauerregen. Normalerweise „carpy“ könnte man meinen, jedoch ist dieses Gewässer dafür bekannt, besonders bei Hitze gut zu laufen und das sollten nun auch wir zu spüren bekommen. Um es kurz zu machen, wir konnten in den folgenden zwei Tagen einen kleinen Spiegler kurz vor dem Einpacken verhaften, Tristesse machte sich breit.

Ich beschäftigte mich schon mit der Möglichkeit, das Gewässer zu wechseln, jedoch verkündeten uns die beiden Angler, welche an der Kette zum Schongebiet saßen, dass sie am nächsten Morgen abreisen würden. Ein Platzwechsel, welcher uns neue Möglichkeiten und Motivation gab, es doch noch ein paar Tage zu versuchen. Wer die Situation eines solchen Schongebietes kennt, der weiß, dass die Ruten, welche am nächsten zum Schongebiet gelegt werden, mit hoher Wahrscheinlichkeit die sind, die am Ende des Tages die Ernte einbringen. Eine mehr als brisante Situation, wenn man zu zweit unterwegs ist und natürlich jeder gerne seine Stöcke in Richtung des „Schoners“ und vor allem den darin springenden Fischen auslegen möchte. Spätestens hier zeigt sich, ob du wirklich mit dem perfekten Angelpartner unterwegs bist oder nicht. Denn wenn man bedenkt, dass das übliche Stöckchen ziehen oder der Münzwurf hier über die Platzwahl des einzelnen entschieden hätte, läuft es mir rückblickend mit dem Wissen was in den kommenden Tagen geschehen sollte, eiskalt den Rücken runter. Ich möchte echt nicht wissen, wie viele Jungs schon als Freunde in den Angelurlaub fuhren und sich schon auf der Rückfahrt nichts mehr zu sagen hatten, das sollte uns nicht passieren! Uns war schnell klar, dass wir uns auf nur vier der acht erlaubten Ruten beschränken wollten, um weniger Schnüre im Wasser zu haben. Aber was nun? Klar, man könnte die altbewährte Fisch-auf-Fisch-Methode auspacken, aber auch hier besteht immer die Möglichkeit, dass einer an der Rute des anderen einen Riesen rauszieht und schon würde es Stunk geben. Wir einigten uns auf die wohl beste Variante, was bedeutete:

  • jedem gehört jede Rute
  • gedrillt wird abwechselnd
  • jeder macht mit jedem Fisch Bilder, da es alles unsere Fische waren

Manch einer kann diese Art des Karpfenangelns sicherlich nicht verstehen und würde schon nach dem ersten vom Kollegen an seiner Rute gedrillten Hängebauch das Grummeln bekommen. Für uns war sie in diesem Moment die einzig logische Wahl. Der Platzwechsel sollte sich bereits nach wenigen Stunden auszahlen, denn ein alter kampfstarker Spiegler mit deutlich über 20 Kilo hatte sich die Rambazambas schmecken lassen. Was nun in den folgenden sechs Tagen passierte, ist kaum mehr in Worte zu fassen.

Kurz nach dem dicken Spiegler konnten wir noch ein echtes Twotone Original des Sees von ebenfalls über 20 Kilo auf die Schuppen legen. Verständlicherweise gingen wir hochmotiviert in den nächsten Tag und konnten bereits beim ersten Morgennebel ein wenig Fangkraft über unsere Plätze verteilen. Die ersten Fische des neuen Tages ließen nicht lange auf sich warten; gegen Mittag jedoch durchbrachen Jubelschreie die warme Alpenluft. „Fast 28 Kilo!!!“ rief Chris mir laut entgegen, als ich die Waage hochriss. Irre! Die kommenden Tage verflogen nur so und nahezu jeder Tag hatte eine gewichtige Überraschung für uns auf Lager.

Neben einigen weiteren Fischen über 20 Kg, konnten wir uns noch über einen weiteren Fünfziger von über 26kg freuen. Mein ganz persönliches Highlight verirrte sich jedoch erst am vorletzten Tag in unsere Maschen. Der uralte hochrückige Spiegler mit diesem markanten Schuppenbild auf der Flanke. Er war es, den sie „Pizza“ nannten.

Eine Koryphäe der französischen Alpen und Zielfisch von unzähligen Anglern in Europa, ganz nebenbei auch noch deutlich über 25 Kg schwer und somit unser dritter Fünfziger in wenigen Tagen. Da saßen wir nun, überwältigt und dankbar für diesen unglaublichen Trip.

Eigentlich hatten wir noch zwei weitere Tage Zeit, aber wir waren satt und ausgelaugt. Das tagelange frühe Aufstehen zeigte allmählich seine Spuren und wir sehnten uns nach Ruhe und einer Mütze voll Schlaf. An einem kleinen Kanal, welcher auf unserem Heimweg lag, ließen wir uns noch einmal für zwei Nächte nieder und ließen bei einer guten Flasche Wein und Crevetten die vergangenen Tage Revue passieren.

Macht's gut! Euer Benni

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